Coop Zeitung 10/2001

Und es gibt sie doch, die Wechseljahre des Mannes

Kraft und sexuelle Lust nehmen ab, Fettmasse und Gereiztheit dagegen zu: Auch Männer haben Probleme.

Text: Ruth Bossert

Der ergraute, selbstsichere Fünfziger, einst vielgenutztes Werbesujet, ist nicht mehr, was er einmal war. Vielen Männern fällt es schwer, sich jenseits der 40 in Form zu halten. Und spätestens ab 50 lässt es sich nicht mehr leugnen: Mann wird alt.

Seit Jahrzehnten versuchen Fachleute, ein männliches Pendant zu den Wechseljahren der Frau zu definieren. Doch bedingt durch völlig andere Alterungsvorgänge sowie die ernorme Streubreite der Erscheinungsformen, wurde die Existenz eines männlichen Klimakteriums lange Zeit verneint.

Für Christian Sigg, Facharzt für Dermatologie und Venerologie in Zürich, hat das Thema zusätzlich eine hohe psychologische Hürde zu überwinden: Das Thema sei in unserer männerdominierenden Gesellschaft auch heute noch ein Tabu. Männer akzeptieren wohl ein Nachlassen von Muskelkraft, Schnelligkeit, Gedächtnis, Sehkraft und Hörfähigkeit im Alter; gleichzeitig erwarteten sie aber, dass ihr sexuelles Interesse und ihre sexuelle Potenz weiterhin die eines Zwanzigjährigen sei.

Und dennoch gibt es sie, die Wechseljahre des Mannes. Die Anzeichen tauchen schleichend auf und sind für den Mann nur schwer zu deuten. Sie reichen von Erschöpfung und Gereiztheit über Hitzewallungen, Verlust von sexuellem Verlangen und Zunahme der Fettmasse bis hin zu Depressionen und Potenzproblemen. Wie bei der Frau findet auch beim Mann eine hormonelle Umstellung statt. Die Produktion des Hormons Testosteron nimmt zwischen dem 40. und dem 70. Lebensjahr jedes Jahr um rund ein Prozent ab. Dieser Rückgang und seine Folgen, so Sigg, sei die Hauptursache der Probleme vieler älterer Männer und ihrer Partnerinnen.

 

Hormone

Hormone (griechisch "horman" = anregen, in Bewegung setzen) sind chemische Botenstoffe. Sie werden meist in Drüsen gebildet. Die wichtigsten Hormonlieferanten sind Schilddrüse, Nebennierenrinde, Bauchspeicheldrüse, Thymusdrüse, Hoden, Eierstöcke und die als Lieferant übergeordneter Steuerungshormone wichtige Hirnanhangdrüse (Hypophyse). Über das Blut gelangen die Hormone zu den Organen, deren Tätigkeit sie sehr spezifisch beeinflussen und in einem funktionellen Gleichgewicht halten. Die Regulationssysteme der Hormone beeinflussen sich gegenseitig ebenfalls. Der Ausfall oder die Überproduktion eines einzelnen Hormons kann deshalb den ganzen Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht bringen. Körperliche und psychische Störungen können das Ergebnis sein.
 

Testosteron

Testosteron ist das mit Abstand bedeutendste Sexualhormon des Mannes. Der männliche Körper produziert ungefähr sieben Milligramm Testosteron pro Tag, der weibliche nur rund 0.3 Milligramm. Testosteron ist verantwortlich für das Wachstum und die Ausbildung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale: Penis, Samenblase, Prostata, Kehlkopf, Körper- und Barthaare. Es sorgt aber auch für den Muskelauf- und Fettabbau und ist wesentlich für den Sexualtrieb verantwortlich. Es steigert die Aktivität und das Leistungsvermögen des Mannes, erhöht aber auch die Aggressivität. Die Schaltzentrale des Testosteron sitzt im Gehirn. Das Testosteronniveau steigt, wenn der Mensch erregt oder glücklich ist und sinkt unter Stress und bei Ärger.
 

Kleiner Unterschied

Die Wechseljahre ziehen sich über Jahre hin. Der weibliche Körper produziert zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr immer weniger Sexualhormone (Östrogen und Progesteron), die den monatlichen Zyklus steuern.
Die Monatsblutung wird unregelmässiger und bleibt schliesslich ganz aus. Dadurch lässt sich das Klimakterium klar definieren.
Beim Mann ist dies anders. Hier nimmt die durchschnittliche Produktion des Sexualhormons Testosteron nach dem 40. Altersjahr jährlich um lediglich ein Prozent ab.
Die Symptome kommen deshalb nur langsam zum Vorschein. Diesen Vorgang, das männliche Pendant zu den Wechseljahren der Frau, nennt man Andropause.

 

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