Schweizer Familie 5/2001

Die Macht der
Hormone

Auch Männer kommen mit 40 in die Wechseljahre. Facharzt Christian Sigg über Potenzängste, nachlassende Liebeslust und was man gegen das vorzeitige Altern tun kann.
Text: Thomas Wehrli
Fotos: Bruno Augsburger


Schweizer Familie: Herr Sigg, Sie sind 50 Jahre alt. Wie lebt es sich in den Wechseljahren?

Christian Sigg: Ich kann nicht klagen. Mir geht es gut.

SF: Aber bei Ihnen haben die Wechseljahre vermutlich begonnen.

Sigg: Das männliche Klimakterium ist noch nicht genau definiert. Aber viele Männer zeigen eine ganze Palette von Beschwerden, die in unterschiedlichem Alter auftreten.

SF: Gibt es denn die Wechseljahre beim Mann überhaupt?

Sigg: Eigentlich nicht, aber ab dem 40. Lebensjahr sinkt beim Mann der Testosteronspiegel jährlich um ein Prozent.

SF: Da hat Mann aber noch Glück. Bei den Frauen kommt es im selben Alter zu einem rasanten Rückgang der Östrogenproduktion.

Sigg: Bei den Frauen treten damit auch die typischen Wechseljahrbeschwerden innert kurzer Zeit auf. Dadurch lässt sich das Klimakterium genau definieren. Das ist beim Mann nicht möglich. Denn der schleichende Hormonrückgang bewirkt, dass auch die Symptome nur langsam zum Vorschein kommen. Viele Männer bemerken die Veränderung deshalb auch lange nicht.

SF: Oder ignorieren sie bewusst.

Sigg: Das kommt häufig vor. Denn die männliche Psyche kann ohne weiteres akzeptieren, dass im Alter das Sehvermögen und die Hörfähigkeit nachlassen. Die Leistungsfähigkeit und die Sexualfunktionen jedoch haben weiterhin wie in den ersten Lebensjahrzehnten zu funktionieren.

SF: Dann sind Potenzstörungen ein Zeichen, dass der Mann in die Wechseljahre kommt?

Sigg: Überhaupt nicht. Die meisten Erektionsstörungen werden nicht durch einen Hormonmangel ausgelöst, sondern durch Gefässprobleme und -krankheiten.

SF: Welchen Einfluss hat dann der Testosteronrückgang auf die Sexualität? 

Sigg: Sinkt der Testosteronspiegel, so schwindet auch das sexuelle Verlangen.

SF: Die Schauspieler Charlie Chaplin, Gary Grant und der Maler Pablo Picasso passen aber gar nicht in das Bild. Sie alle zeugten noch im Greisenalter Kinder.

Sigg: Diese drei Herren beweisen nicht, dass es die männlichen Wechseljahre nicht gibt. Sie zeigen lediglich, dass sich das Klimakterium nicht bei jedem Mann mit den gleichen Symptomen äussert.

 




 

So halten Sie Ihre Hormone in Schuss:

Gesunde Ernährung und Bewegung
beeinflussen den Testosteronhaushalt

Testosteron ist ein männliches

 

Sexualhormon und wird in den Hoden und in der Neben nierenrinde gebildet. Beim Embryo sorgt Testosteron dafür, dass sich Penis und Hoden entwickeln können. Danach ruht die Hormonproduktion gut zehn Jahre lang. In der Pubertät wird dann so viel Testosteron ausgeschüttet, dass sich der Körper radikal verändert: Die Stimme wird tiefer, die Muskeln wachsen, Bart- und Schamhaare spriessen, und die Lust auf Sexualität er wacht.

Ab dem 40. Lebensjahr sinkt der

Testosteronspiegel jährlich um ein Prozent. Dieser Hormonrückgang wirkt sich negativ auf die Libido, die Konzentration, die Knochendichte und die Muskelmasse aus.

Einen Einfluss auf den

Testosteronspiegel hat auch die Art, wie jemand lebt. Negativ auf das Hormon wirkt sich Übergewicht aus. Ge senkt wird der Testosteronspiegel zudem durch Alkohol, Depressionen und Stress.

Wer auf seinen Testosteronspiegel

achten will, sollte nur mässig Alkohol trinken und mindes tens zwei Tag pro Woche auf den Genuss von Wein der Bier verzichten. Anregen kann man die Hormonproduktion zudem mit reglmässiger Betätigung. Ein täglicher Spaziergang von einer halben Stunde beispielsweise ist nicht nur gut für die Hormone, sondern hilft auch, den Alltagsstress zu bewältigen.

Wer dauernd unter Druck steht,

sollte den Stress mit Meditationsübungen in den Griff be kommen. Besonders geeignet sind dafür Techniken wie autogenes Training, Joga oder Atemübungen.

Positiv auf den Testosteronspiegel

wirkt sich auch eine ausgewogene, kalorienarme Er nährung mit viel Gemüse und Früchten aus.

SF: Welche Veränderungen können neben dem Nachlassen der Libido auftreten?

Sigg: Der sinkende Testosteronspiegel wirkt sich auf viele Körperfunktionen aus. Er bewirkt, dass die Muskelkraft langsam schwindet. Gleichzeitig geht auch die Knochendichte zurück. Damit steigt das Osteoporose-Risiko. Negativ wirkt sich ein Testosterondefizit auf die Haut, das Haarwachstum und die Blutbildung aus.

SF: Das tönt so, als wäre Älterwerden gar kein natürlicher Prozess, sondern eine Krankheit.

Sigg: Von den natürlichen Alterungsprozessen müssen die nicht normalen, hormonbedingten Störungen abgegrenzt werden.

SF: Viele Männer legen mit den Jahren an Körperfülle zu. Ist daran das Bier oder das Testosteron schuld?

Sigg: Daran kann auch ein Testosteronmangel schuldig sein. Denn mit dem sinkenden Hormonspiegel kommt es im Körper zu einer gewissen Insulinresistenz. Das Insulin kann nicht mehr so gut verwertet werden und in der Bauchregion wird Fett eingelagert.

SF: Dann... Jetzt habe ich doch glatt die letzte Frage vergessen...

Sigg (lacht): Wenn Sie einige Jahre älter wären, würde ich auf die Wechseljahre tippen... Aber im Ernst: Der sinkende Testosteronspiegel wirkt sich bei vielen Männern negativ auf ihre kognitive Fähigkeiten aus: Sie können sich nicht mehr so gut konzentrieren und vergessen häufiger auch einmal etwas.

SF: Da bleibt ja nur die Psyche verschont.

Sigg: Leider nicht. Auch die Seele leidet unter der Hormonabnahme. Probleme wie Müdigkeit und Mattigkeit treten im Alter häufig auf. Manche Männer stürzt der Testosteronmangel sogar in eine Depression.

SF: Bleibt wohl als einziger Trost, dass nicht jeder Mann gleich stark unter den Wechseljahren leidet. 

Sigg: Das stimmt. Nicht jeder Mann hat dieselben Beschwerden und nicht jeder ist gleich stark davon betroffen. Das macht die Erforschung der Wechseljahrsymptome auch so schwierig. Man weiss nur mit Sicherheit, dass die Beschwerden mit zunehmendem Alter häufiger auftreten. Studien haben gezeigt, dass rund 7% der 40- bis 60-Jährigen unter den typischen Beschwerden leiden. Bei den 60- bis 80-Jährigen sind es rund 30%, bei den über 80-Jährigen fast die Hälfte.

SF: Dann braucht jeder dritte 60-Jährige also eine Hormonkur?

Sigg: Nein, der Einsatz von Testosteronpräparaten ist nicht bei allen Betroffenen sinnvoll. Mit Hormonen sollte ein Patient dann behandelt werden, wenn sein Testosteronspiegel unter dem unteren Normwert liegt. Und das ist bei rund zehn Prozent der über 60-Järhigen der Fall.

SF: Dann werden künftig auch Senioren als Muskelprotze herumlaufen, ähnlich wie gedopte Sportler?

Sigg: Sicher nicht. Denn die Sportler haben die Hormone eingenommen, um ihren normalen Testosteronspiegel auf ein abnormal hohes Niveau zu bringen. In der Medizin dagegen setzen wir die Hormone ein, um einen zu tiefen Spiegel auf ein normales Niveau zu bringen.

SF: Die Hormontherapie beim Mann  ist nicht unumstritten. Sie soll unter anderem das Herzinfarktrisiko erhöhen. 

Sigg: Diese Behauptung widerlegen neue Studien. Amerikanische Ärzte haben kürzlich herausgefunden, dass die meisten Herzinfarktpatienten einen tiefen Testosteronspiegel aufweisen.

SF: Und wie steht es mit dem Prostatakrebs?

Sigg: Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass eine Hormontherapie ein Prostatakarzinom hervorrufen kann. Allerdings kann eine Testosteronbehandlung ein bereits vorhandenes Karzinom zum Wachstum anregen. Deshalb ist es vor jeder Hormonbehandlung wichtig, dass der Patient genau untersucht wird.

SF: In welchen Bereichen können die Hormone überhaupt helfen?

Sigg: Eigentlich in allen Bereichen. Denn die Hormonkur stärkt die Muskelkraft und die Knochendichte. Gleichzeitig verbessert das Testosteron die kognitive Fähigkeiten und steigert das sexuelle Verlangen.

SF: Dann ist die Hormonkur also die ultimative Lösung gegen die Wechseljahre? 

Sigg: Die Hormone sind eine gute Basis für die Behandlung der Wechseljahrbeschwerden. Doch mit den Hormonen allein ist es nicht getan. Jeder Betroffene muss seinen Teil zur Behandlung beitragen.

SF: Und wie?

Sigg: Wer gesund bleibt, kann viel für seinen Testosteronspiegel tun. Denn Sport und eine ausgewogene Ernährung wirken sich positiv auf das Hormon aus. Übergewicht, Stress und Alkoholmissbrauch dagegen senken den Testosteronspiegel des Mannes.

 

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