SF: Welche Veränderungen
können neben dem Nachlassen der Libido auftreten?
Sigg: Der sinkende Testosteronspiegel
wirkt sich auf viele Körperfunktionen aus. Er bewirkt, dass
die Muskelkraft langsam schwindet. Gleichzeitig geht auch die
Knochendichte zurück. Damit steigt das Osteoporose-Risiko.
Negativ wirkt sich ein Testosterondefizit auf die Haut, das Haarwachstum
und die Blutbildung aus.
SF: Das tönt so, als
wäre Älterwerden gar kein natürlicher Prozess, sondern
eine Krankheit.
Sigg: Von den natürlichen
Alterungsprozessen müssen die nicht normalen, hormonbedingten
Störungen abgegrenzt werden.
SF: Viele
Männer legen mit den Jahren an Körperfülle zu. Ist daran das
Bier oder das Testosteron schuld?
Sigg: Daran kann
auch ein Testosteronmangel schuldig sein. Denn mit dem sinkenden
Hormonspiegel kommt es im Körper zu einer gewissen Insulinresistenz.
Das Insulin kann nicht mehr so gut verwertet werden und in
der Bauchregion wird Fett eingelagert.
SF:
Dann... Jetzt habe ich doch glatt die letzte Frage vergessen...
Sigg (lacht): Wenn Sie einige
Jahre älter wären, würde ich auf die Wechseljahre
tippen... Aber im Ernst: Der sinkende Testosteronspiegel wirkt
sich bei vielen Männern negativ auf ihre kognitive Fähigkeiten
aus: Sie können sich nicht mehr so gut konzentrieren und
vergessen häufiger auch einmal etwas.
SF: Da bleibt ja nur die
Psyche verschont.
Sigg: Leider nicht. Auch die Seele
leidet unter der Hormonabnahme. Probleme wie Müdigkeit
und Mattigkeit treten im Alter häufig auf. Manche Männer
stürzt der Testosteronmangel sogar in eine Depression.
SF: Bleibt wohl als einziger
Trost, dass nicht jeder Mann gleich stark unter den Wechseljahren
leidet.
Sigg: Das stimmt. Nicht jeder
Mann hat dieselben Beschwerden und nicht jeder ist gleich stark
davon betroffen. Das macht die Erforschung der Wechseljahrsymptome
auch so schwierig. Man weiss nur mit Sicherheit, dass die Beschwerden
mit zunehmendem Alter häufiger auftreten. Studien haben gezeigt,
dass rund 7% der 40- bis 60-Jährigen unter den typischen Beschwerden
leiden. Bei den 60- bis 80-Jährigen sind es rund 30%, bei den
über 80-Jährigen fast die Hälfte.
SF: Dann braucht jeder
dritte 60-Jährige also eine Hormonkur?
Sigg: Nein, der Einsatz von Testosteronpräparaten
ist nicht bei allen Betroffenen sinnvoll. Mit Hormonen sollte
ein Patient dann behandelt werden, wenn sein Testosteronspiegel
unter dem unteren Normwert liegt. Und das ist bei rund zehn
Prozent der über 60-Järhigen der Fall.
SF:
Dann werden künftig auch
Senioren als Muskelprotze herumlaufen, ähnlich wie gedopte
Sportler?
Sigg: Sicher nicht. Denn die Sportler
haben die Hormone eingenommen, um ihren normalen Testosteronspiegel
auf ein abnormal hohes Niveau zu bringen. In der Medizin dagegen
setzen wir die Hormone ein, um einen zu tiefen Spiegel auf ein
normales Niveau zu bringen.
SF: Die Hormontherapie
beim Mann ist nicht unumstritten. Sie soll unter anderem
das Herzinfarktrisiko erhöhen.
Sigg: Diese Behauptung widerlegen
neue Studien. Amerikanische Ärzte haben kürzlich herausgefunden,
dass die meisten Herzinfarktpatienten einen tiefen Testosteronspiegel
aufweisen.
SF: Und wie steht es mit
dem Prostatakrebs?
Sigg: Es gibt keinen Anhaltspunkt
dafür, dass eine Hormontherapie ein Prostatakarzinom hervorrufen
kann. Allerdings kann eine Testosteronbehandlung ein bereits
vorhandenes Karzinom zum Wachstum anregen. Deshalb ist es vor
jeder Hormonbehandlung wichtig, dass der Patient genau untersucht
wird.
SF: In welchen Bereichen
können die Hormone überhaupt helfen?
Sigg: Eigentlich in allen
Bereichen. Denn die Hormonkur stärkt die Muskelkraft und
die Knochendichte. Gleichzeitig verbessert das Testosteron die
kognitive Fähigkeiten und steigert das sexuelle Verlangen.
SF: Dann ist die Hormonkur
also die ultimative Lösung gegen die Wechseljahre?
Sigg: Die Hormone sind eine
gute Basis für die Behandlung der Wechseljahrbeschwerden.
Doch mit den Hormonen allein ist es nicht getan. Jeder Betroffene
muss seinen Teil zur Behandlung beitragen.
SF: Und wie?
Sigg: Wer gesund bleibt,
kann viel für seinen Testosteronspiegel tun. Denn Sport
und eine ausgewogene Ernährung wirken sich positiv auf
das Hormon aus. Übergewicht, Stress und Alkoholmissbrauch
dagegen senken den Testosteronspiegel des Mannes. |