Ungewollt kinderlos - wie gehen Männer damit um?
Andrologische Risikopatienten aus psychologischer Sicht
Schweizerische Gesellschaft für Andrologie SGA
Dr. med. Christian Sigg
Leitender Arzt des Instituts für Dermatohistopathologie und Andrologie
Regensbergstrasse 91
8050 Zürich
Tel. 044/312 47 57
Fax 044/311 21 27
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Einleitung
Jedes fünfte Paar in der Schweiz ist heute ungewollt kinderlos und die moderne Statistik geht davon aus, dass 7% aller Männer im Laufe ihres Lebens mit dem Problem der ungewollten Kinderlosigkeit konfrontiert sind. Damit ist dieses Problem sogar noch häufiger als der Diabetes mellitus, der immerhin als eigentliche Volkskrankheit bezeichnet wird. In den vergangenen 4 Jahrzehnten hat die durchschnittliche Spermienzahl um mehr als die Hälfte abgenommen. Gleichzeitig haben sich aber auch die so genannten Spermienfunktionen, die für die erfolgreiche Fertilisierung entscheidend sind, ebenso dramatisch verschlechtert. Obschon sich bekanntlich grosse regionale Unterschiede nachweisen lassen, zeigt sich doch, dass hier ein weltweiter Trend vorliegt.
Das Problem nimmt zu ....
Beeinträchtigungen der Spermatogenese nehmen in allen Formen zu und auch die Zahl der Keimzelltumoren sowie der Kryptorchismusfälle hat sich mehr als verdoppelt. Resultate von endokrinologischen Studien an Neugeborenen von Müttern, die einer Phthalatexposition ausgesetzt waren, lassen Schlimmes befürchten: die Testosteronwerte und Inhibin-B- Konzentrationen dieser Kinder waren drastisch tiefer, das SHBG dagegen alters entsprechend viel zu hoch. Alle die so genannten Endocrine disruptures scheinen mit verantwortlich für die immer häufiger und schwerwiegender werdenden Keimzellstörungen zu sein.
Eine Reihe von aetiopathogenetisch entscheidenden Faktoren für die Zunahme der andrologischen Probleme sind heute identifiziert und müssen in einer andrologischen Abklärung evaluiert werden:
| - | genetische Veränderungen wie Heterozygotien im POLG Gen oder Mikrodeletionen im AFZ Gen |
| - | verstärkte Apoptose |
| - | vermehrte Bildung und Wirkung von ROS (Reaktiven Oxygen-Species) |
| - | Störungen der Sperm Chromatin Structure |
Andrologie – das unbekannte Wesen ?
Die eigentliche Männerheilkunde ist immer noch eine junge medi-zinische Disziplin, die ihre Stellung innerhalb der verschiedenen Fach-gebiete sucht. Nach wie vor wissen längst nicht alle Ärzte um die Bedeutung und Möglichkeiten dieses Faches, was leider immer noch viel zu oft dazu führt, dass Männer auf ein Spermiogramm reduziert werden.
Elementare Vorgehensweisen, wie z B der zwingend notwendige Ein-bezug beider Paare gleichzeitig in die Sterilitätsabklärungen, wird noch immer nicht genügend nachgelebt. Kaum eine andere medizinische Disziplin ist so anfällig für Kommunikationsstörungen und – defizite, wie ein Beispiel zeigen soll:
Weiss sie etwas, was er nicht weiss ?
In einer 2003 durchgeführten Untersuchung an 500 Paaren unseres eigenen Zentrums konnten wir in einer Befragung nachweisen, dass erhebliche Unterschiede zwischen Mann und Frau in der zeitlichen Wahrnehmung des Kinderwunsches bestehen:
Frauen geben durchschnittlich eine bis zu einem ganzen Jahr längere Kinderwunschdauer an als Männer! Ungenügende Kenntnisse um die weibliche Anatomie und Physiologie als aber auch offensichtlich geringeres Interesse und erhebliche Kommunikationsprobleme konnten als wichtigste Faktoren identifiziert werden. Die Klärung der Zielvor- stellungen und der gegebenen Voraussetzungen stellen damit eine der vordringlichsten Aufgaben der Sterilitätssprechstunde dar. Und gerade diese Fragen sollen und dürfen nicht allein mit einem der beiden Partner besprochen werden, sondern verlangen nach einer eigentlichen Teamsitzung.
Drei Hauptgründe der Kinderlosigkeit
Nach den oben kurz skizzierten und nachweislich massiv zunehmenden medizinischen Gründen treffen heute immer mehr Paare bewusst ihre Entscheidung gegen ein Leben mit Kindern. Das stetig steigende Alter vieler Paare zum Zeitpunkt des aktuell werdenden Kinderwunsches führt auf der einen Seite zu erheblichen medizinischen genetischen Problemen, andererseits aber entsteht ein gewichtiger Konflikt zwischen biographischen und biologischen Umständen.
Elternschaft ist immer nicht nur die Frage „ob“ sondern vor allem auch „wann“
Für das betroffene Paar entstehen vier wesentliche Problemkreise, die vor allem die Frauen in verschiedenen Bereichen belangen:
„Problemkreis biographischen Perspektiven“ , geprägt durch sichere oder unsichere Berufsaussichten und Karriere-Planung
„Problemkreis der Vereinbarkeit verschiedener Aktivitäten in verschiedenen Lebensabschnitten“, wobei klare Lebenslauf- perspektiven (mit häufiger Konsequenz des Entscheides gegen Kinder) dem Entschluss gegen explizite Planung mit entsprechend hohen beruflichen und finanziellen Risiken entgegenstehen.
„Problemkreis Resourcen“: unter der Bedingung gleicher und gleichwertiger Lebensplanung beider Partner entstehen erhebliche Folgekosten durch die Kinder.
„Problemkreis der begrenzten Handlungskontrolle“: der Entscheid gegen Kinder lässt sich heute einfach, billig, aktiv und erfolgreich durchsetzen; der Entscheid für Kinder lässt aber immer Unsicherheiten bezüglich Zeitpunkt und Zukunftsplanung offen.
Der biographisch- biologische Konflikt der Männer
Sich mehrende medizinische Probleme im Alter (Punktmutationen), ein enger werdendes Zeitfenster aus sozialen und beruflichen Gründen sowie die oftmals zu beobachtende Verstärkung des Effektes durch erneute Lebenspartnerschaften (serielle Monogamie) führen zu einem erheblichen Konflikt zwischen Biographie und Biologie.
Zwar sind mindestens 7% aller Männer im Laufe ihres Lebens mit derartigen Problemen konfrontiert, doch stellt dies nach geläufiger Meinung kaum je ein Problem dar, haben doch „ Männer (nach Auffassung vieler) deutlich geringeren Leidensdruck, klar weniger Verarbeitungsprobleme und durch ihre aktive berufliche Haltung und Planung effiziente Kompensationsmöglichkeiten“. Leiden Männer wirklich weniger an Kinderlosigkeit oder leiden sie anders ?
.... und wie gehen Männer damit um ?
Zahlreiche Untersuchungen konnten beweisen, dass Männer eigenen Kindern den gleichen Wert zumessen wie Frauen und dass sie unter der Kinderlosigkeit im gleichen Masse leiden. Interessant ist dabei die Tat- sache, dass dies sich vor allem in Interviews zeigte, während beim Ausfüllen von Fragebogen Männer oft die Antworten geben, von denen sie glauben, man erwarte sie von ihnen.
Die leider immer noch viel zu oft praktizierte Sterilitätsmedizin führt meist dazu, dass Männer einzig über ihr Samenprofil beurteilt werden. Eine klinische Untersuchung, ein klärendes Gespräch und eine eindeutige Diagnose mit therapeutischen Optionen fallen weg. Entscheidend zu wissen ist nun, dass die Diagnose einer eingeschränkten Fertilität immer als Angriff auf die Männlichkeit empfunden wird.
„Der schwerste Tag im Leben“
Es gilt längst als erwiesen, dass die Diagnose Infertilität eine narzistische Kränkung darstellt, deren Verarbeitung ein Durchlaufen charakteristischer Stufen eines klassischen Trauerprozesses bedarf. In retrospepktiven Befragungen gaben zahlreiche Paare ihrem Kummer über die Tatsache der sich abzeichnenden definitiven Kinderlosigkeit Ausdruck und bezeichneten die Eröffnung der Diagnose als einen der schwersten Tage in ihrem ganzen Leben.
Zum Verständnis der Verarbeitungsprozesse der Männer bei Kinderlosigkeit spielen die Motive, eigene Kinder haben zu wollen, eine Schlüsselrolle und ihre Kenntnis ermöglicht und erleichtert den Zugang zum Patienten als auch die Identifikation allfälliger Risikopatienten:
5 Typen Kinderwunsch-Motive
Die einschlägige Literatur kennt 5 unterschiedliche Motive zum Kinderwunsch der Männer:
Damit zeichnet es sich ab, dass bei der Kinderlosigkeit der Männer zwei unterschiedliche Komplexe nebeneinander stehen:
Problem der Kinderwunsch-Fixierung
Schaffen es Männer nicht, diese narzistische Kränkung und die narzistische Bedürftigkeit zu verarbeiten, besteht die grosse Gefahr der Kinderwunschfixierung. Dieses immer noch viel zu wenig beachtete und vor allem behandelte Krankheitsbild beinhaltet grosse Gefahr einer spä- teren Suchtentwicklung als auch depressiver Verstimmungen.
Für Männer ist die Verarbeitung des unerfüllten Kinderwunsches eng mit der Psychodynamik des Wunsches selber verbunden: vor allem die narzistischen Wünsche - auf das Kind gerichtet – sind dabei für die spätere Entwicklung einer Kinderwunschfixierung entscheidend.
Wie vorgehen? Die Stärke des Kinderwunsches
Schon sehr früh sollten deshalb die in die Sterilitätsabklärung einbezogenen Personen versuchen, sich ein Bild vom Typus und der Intensität des Kinderwunsches der Männer zu machen. Dabei kann ein einfaches und sehr hilfreiches System zur Anwendung kommen, wie es von Ittner,Himmel und Kochen beschrieben und erfolgreich angewandt wurde:
Die Stärke des individuellen Kinderwunsches kann grundsätzlich in drei Kategorien eingeteilt werden:
Der andrologische Risikopatient – gibt es ihn ?
Die Tatsache, dass sehr viele Männer auch heute noch durch Ärzte auf ein Spermiogramm reduziert werden, verunmöglicht jede Kontaktnahme und Einflussnahme vor der Eröffnung der als narzistische Kränkung empfundenen Diagnose. Alle Möglichkeiten einer psychologischen Betreuung und Behandlung fallen hier weg. Ein derartiges Vorgehen trägt nicht allein die klassischen Züge eines Kunstfehlers, sondern ist über die medizinisch-rechtlichen Aspekte hinaus durchaus für den betroffenen Mann als traumatisierend zu werten.
Eine Reihe von Risikofaktoren zur Identifizierung der Kinderwunsch- fixationsgefährdeten Patienten kennt die Andrologie bereits:
Die Sterilitätsabklärung als Störfaktor des Sexuallebens
Jeder in der Sterilitätsabklärung arbeitende Ärztin oder Arzt muss sich der Tatsache bewusst sein, dass dies zu erheblichen Störungen des Sexuallebens der Patienten führen kann. 4% aller Männer einer grossen Sterilitätssprechstunde gaben an, während und vor allem auch nach den Abklärungen und Behandlungen an ausgeprägten erektilen Dysfunktionen gelitten zu haben. Besonders die Überforderung des Sexuallebens durch divergierende Zielvorstellungen ist geeignet, Probleme zu schaffen: das spontane und lustvolle Erleben steht dem gezielten Einsatz der Biologie zum Ovulationszeitpunkt entgegen. Dass nun sehr viele Patienten (Männner zwar mehr als Frauen) zudem kaum Kenntnis über den Ovulationszeitpunkt haben, erschwert die Sache weiterhin ungemein und muss zu zusätzlichen Problemen führen. Es sind und bleiben die allgemeinen Informationen und Ratschläge wichtig, die oftmals elementares Unwissen beseitigen müssen und erst eine eigentliche Behandlung ermöglichen. Gerade diese Basisgespräche müssen aber zwingend am Anfang aller Bemühungen stehen – wird dieses Vorgehen durch die Reduktion der Männer auf einen simplen Laborbefund verunmöglicht, wird eine grosse und unnötige Nachholarbeit notwendig und sind spätere Komplikationen sehr viel häufiger und schwerwiegender
Fazit
Literatur auf Wunsch beim Verfasser
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