Insemination
(Samenbertragung)
Eine
Informationsschrift der Schweizerischen
Gesellschaft für Andrologie
Dr. med. Christian Sigg
Leitender Arzt des Instituts für Dermatohistopathologie und Andrologie
Regensbergstrasse 91
8050 Zürich
Tel. 044/312 47 57
Fax 044/311 21 27
Diese Patienteninformation wird durch die Schweizerische Gesellschaft für
Andrologie publiziert. Kein Teil dieser Schrift darf in irgendeiner Form
ohne das schriftliche Einverständnis der Schweizerischen Gesellschaft
für Andrologie wiedergegeben werden. Die Schrift kann in keiner Weise
die sorgfältige Untersuchung und Behandlung durch eine/n qualifizierte/n
Aerztin/Arzt ersetzen. Die vorliegende Schrift ist als Informationshilfe
für Patienten gedacht, die sich mit dem Thema der Reproduktionsmedizin
beschäftigen.
© 2001 by Swiss Society of Andrology
Samenübertragung / Insemination (Am Ende dieser Schrift sind die kursiv gedruckten Fremdwörter übersetzt)
1.Einleitung
Eine der häufigsten Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit ist in der
Tatsache zu suchen, dass oftmals die Spermien den weiblichen Uterus
nicht oder in ungenügender Zahl erreichen. In derartigen Fällen
können Schwangerschaften erzielt werden indem die Spermien des Ehemannes/Partners
in die Frau übertragen werden (Insemination). Bei diesem Vorgang werden
die Spermien möglichst zum Zeitpunkt der Ovulation durch eine/n
Aerztin/Arzt in die weibliche Zervix oder Uterus gebracht.
Dieser Vorgang ist in der medizinischen Literatur als homologe Insemination
bekannt (Uebertragung von Samenzellen des eigenen Mannes) und wird häufig
bei kinderlosen Paaren zur Anwendung gebracht wenn Potenzprobleme bestehen,
wenn die Zahl der Samenzellen sehr gering ist oder aber wenn die Beweglichkeit
der Samenzellen zu wünschen übrig lässt. Auch andere Probleme
der Samenzellfunktionen können Grund für eine Insemination sein.
Unterziehen sich die Frauen während dieses Vorganges einer Auslösung
des Eisprunges kann die homologe Insemination die Chancen auf eine Schwangerschaft
deutlich verbessern.
2. Wann ist eine Insemination angezeigt?
Bestehen bei Frauen Probleme des Eisprungs und müssen sich diese Frauen einer
Auslösung des Eisprungs unterziehen, sind in solchen Situationen homologe
Inseminationen von grösster Bedeutung um den Erfolg der Ovulations-Induktion zu garantieren. Inseminationen können aber auch in Fällen notwendig
sein, falls zwischen Spermien und dem Zervikalmukus unerwünschte Interaktionen bestehen (z. B. durch Abstossung der Samenzellen durch
den Zervixmukus). In speziellen Fällen können auch Männer
mit geringer Samenzellzahl, verminderter Spermienmotilität oder abnormer
Form der Samenzellen von der Insemination profitieren, auch wenn festgehalten
werden muss, dass in solchen Fällen grundsätzlich die Chancen
gering einzustufen sind. Ihre/Ihr Aerztin/Arzt wird Sie - sollte dies auf
Sie und Ihren Partner zutreffen - selbstverständlich eingehendst über
die Chancen informieren.
Homologe Inseminationen sind auch für Paare eine ideale Behandlung, bei denen
Probleme der Potenz oder bei denen Ejakulationsstörungen erkannt
wurden. Eine dieser häufigsten Störungen ist die Unmöglichkeit,
in die Vagina zu ejakulieren - ein Problem, das durch verschiedenste
Ursachen bedingt sein kann. Die retrograde Ejakulation z. B., eine Störung
bei der das Sperma gewissermassen rückwärts in die Blase statt
nach aussen ausgestossen wird, stellt eine solche Störung dar. Sie
findet sich bei Männern mit bekanntem Diabetes mellitus, bei
Patienten nach Verletzungen oder Operation im Bereich des sogenannten Blasenhalses
wie aber auch bedingt durch bestimmte Medikamente.
Auch Patienten, die an einer Paraplegie leiden, können gleichzeitig
eine retrograde Ejakulation aufweisen. In solchen Fällen können
aus dem Urin nach der Ejakulation die Samenzellen aus dem Urin für
eine Insemination isoliert werden.
Eine wichtige Gruppe von Kandidaten für eine künstliche Samenübertragung
sind Männer, deren Sperma tiefgefroren wird vor einer Unterbindung,
vor Hodenoperationen oder aber vor einer Krebsbehandlung (Röntgentherapie/Chemotherapie).
Sollten Sie sich für weitergehende Informationen zu diesem komplexen
Thema interessieren, weisen wir gerne auf die Informationsschrift der Schweizerischen
Gesellschaft für Andrologie: Fertilität nach Krebsbehandlung,
hin.
3. Notwendige Vorabklärungen
Um überhaupt die Patienten identifizieren zu können, die sich für eine Insemination
eignen, ist es vorgängig notwendig, die Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit
möglichst detailliert zu untersuchen und exakt zu erfassen. Im Zentrum
steht die Frage, ob die Spermien des Mannes für eine künstliche
Befruchtung von genügender Qualität sind. Ihre/Ihr Aerztin/Arzt
wird deshalb eingehend die medizinische Vorgeschichte beider Partner erfragen
und eine eingehende körperliche Untersuchung vornehmen, zu der auch
eine Ultraschalluntersuchung des Hodengewebes gehört. Im Zentrum der
Untersuchungen stehen (mindestens) zwei Samenanalysen wobei zusätzliche
Tests Auskunft darüber geben müssen, ob und wie weit die Spermien
in ihrer Funktion eingeschränkt sind.
Bei
der Frau stehen eine klinische Untersuchung sowie Untersuchungen zur Ovulation
an. Unter Umständen sind Untersuchungen zur Frage, ob die Eileiter
durchgängig und ob Veränderungen im Bereich der Bauchhöhle
vorhanden sind, notwendig. Bestehen aus der Vorgeschichte Verdacht auf
durchgemachte Infektionen, auf Störungen der Eileiter oder eine Endometriose,
sind meist mehrere dieser gynäkologischen Untersuchungen notwendig.
4. Wie wird Samen für die Insemination gewonnen?
Das für die Samenübertragung notwendige Sperma kann auf verschiedene Weise gesammelt werden. Der Patient kann in ein steriles Gefäss masturbieren, die Insemination hat daraufhin innerhalb der nächsten zwei Stunden zu erfolgen. Die Samengewinnung kann sowohl in privater Atmosphäre zu Hause als auch in der Arztpraxis erfolgen. Sperma kann aber auch mittels spezieller Kondome gesammelt werden - Ihre/Ihr Aerztin/Arzt stellen Ihnen solche Kondome bei Bedarf gerne zur Verfügung. Bei sogenannter retrograder Ejakulation werden die Samenzellen aus dem Urin gewonnen, in seltenen Fällen wird auch eine Elektrostimulation als Ejakulationshilfe verwendet.
5. Das Verfahren der Insemination
Die Samenübertragung muss möglichst genau zum Zeitpunkt des Eisprungs stattfinden. Dieser Zeitpunkt wird häufig durch sogenannte Ovulationskits oder durch die Basaltemperaturkurve ermittelt. Inseminationen werden in der Regel einmal pro Monat durchgeführt. Das Verfahren selber ist relativ einfach und nimmt nur wenige Minuten in Anspruch. Das auf ein kleines Volumen konzentrierte Sperma wird während einer normalen gynäkologischen Untersuchung mittels eines feinen Katheters in die Gebärmutter eingebracht. Wird der Samen im Bereich des Gebärmutterhalses deponiert, spricht man von einer intrazervikalen Insemination. Die Deponierung der Samenzellen in der Gebärmutterhöhle wird als intrauterine Insemination bezeichnet. Bei dieser Methode dürfen nur speziell präparierte, sogenannte gewaschene Spermien verwendet werden - andernfalls kann es zu unangenehmen und schmerzhaften Komplikationen kommen. Vor allem bei ungünstigen Interaktionen zwischen dem Zervixschleim und den Samenzellen ist die intrauterine Insemination die Methode der Wahl und bietet durchaus bessere Chancen auf eine Schwangerschaft. Diese Chancen sind dann am grössten, wenn gleichzeitig durch die/den Aerztin/Arzt die Ovulation medikamentös unterstützt bzw. ausgelöst wird.
6. Sperm washing (Samenzellvorbereitung)
Vor der sogenannten intrauterinen Insemination ist es notwendig, die Samenzellen
vom Seminalplasma abzutrennen. Das Seminalplasma enthält zahlreiche
sogenannte Prostaglandine und andere Substanzen, die zu schmerzhaften
und teilweise schwerwiegenden Kontraktionen der Gebärmutter
führen können. Deshalb werden die Spermien im Labor aus dem Seminalplasma
ausgewaschen. Dabei wird das Sperma mit einer Flüssigkeit verdünnt,
zentrifugiert und anschliessend nur die Samenzellen für die weitere
Präparation verwendet. Meist wird dieser Vorgang mehrmals wiederholt.
Auch die Methode, den Samenzellen die Möglichkeit zu geben, aus dem
Seminalplasma selber aktiv wegzuschwimmen, hat sich bestens bewährt (Swim up).
Die Samenzellpräparation hat den grossen Vorteil, dass ungünstige
Chemikalien und vor allem auch die Fertilisierung störende
Bakterien gleichzeitig entfernt werden. Je nachdem, welche Samenzellstörung
vorliegt, werden verschiedene Präparationsverfahren gewählt:
Zentrifugationen
Glaswollmethode
Swim up-Methode
Festzuhalten bleibt, dass während der homologen Insemination keinerlei Manipulation an den Samenzellen noch irgendeine Auswahl an Zellen getroffen wird (mit Ausnahme der Tatsache, dass die unbeweglichen Samenzellen eliminiert werden).
7. Psychologische Ueberlegungen
Sich mit der Tatsache auseinanderzusetzen, dass die Zeugung eines Kindes mit Problemen verbunden ist, bereitet vielen Paaren ernsthafte Schwierigkeiten. Ist der unerfüllte Kinderwunsch durch Veränderungen der Gebärmutter oder durch Samenzellen verursacht, ist durch die/den behandelnde/n Aerztin/Arzt mit grösster Vorsicht vorzugehen. Oftmals fühlen sich Männer schuldig und Zweifel an ihrer Männlichkeit können auftreten. Sie fürchten, durch die Probleme die Partnerin zu verlieren - Aengste, die umgekehrt auch bei den betroffenen Frauen häufig angesprochen werden. Der Aerger, den einer der beiden Partner gegenüber dem andern empfinden kann, verursacht oft auch Schuldgefühle gegenüber sich selber durch die mangelnde Kontrolle. Darüber hinaus können schliesslich gerade gewisse ärztliche Handlungen wie die Insemination zusätzlich das Sexualleben negativ beeinträchtigen und werden von den Patienten als Einbruch in ihre Intimität empfunden.
8. Und wie steht es mit dem Erfolg?
Die Erfolgsrate der Insemination ist von verschiedenen Faktoren abhängig.
Die Ursachen der Fertilitätsprobleme stehen dabei selbstverständlich
im Zentrum: Männer mit guter Samenqualität und guter Samenzellbeweglichkeit,
die aber unfähig sind, Geschlechtsverkehr auszuüben oder bei
deren Partnerinnen Probleme des Zervixschleimes bestehen, haben eine weitaus
bessere Chance als Patienten mit ausgeprägten Samenzellstörungen.
Doch auch weibliche Faktoren können entscheidend sein: ist die Partnerin
älter als 35 Jahre, nehmen die Chancen auf eine Schwangerschaft deutlich
ab. Je besser der Zeitpunkt des Eisprungs vorhergesagt werden kann, desto
besser sind auch die Chancen der homologen Insemination. Eine Endometriose,
frühere Infekte im Bereich des weiblichen Genitaltraktes oder Eileiterveränderungen
können die Erfolgsrate beeinträchtigen. Ist es bereits früher
einmal zu einer Schwangerschaft gekommen, stehen die Chancen mit Sicherheit
besser.
Die Samenzellpräparation sowie das Verfahren der Insemination erhöhen
- wie grosse Literaturstudien gezeigt haben - das Risiko in keiner Art
und Weise, dass derartig gezeugte Kinder vermehrte Missbildungen aufweisen
könnten. Die Erfolgsrate der Insemination liegt bei rund 15% pro Zyklus
und ist damit durchaus vergleichbar mit sogenannten fertilen Paaren.
Zusammenfassung
Rund 50 % der Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit sind in Störungen der Samenzellfunktionen zu suchen. Oftmals aber liegen zusätzliche Kombinationen von männlichen und weiblichen Abnormitäten vor, die die Infertilität bedingen. Die Insemination ist ein wichtiges und einfaches therapeutisches Verfahren der Reproduktionsmedizin bei männlicher Infertilität, aber auch in bestimmten Fällen von gynäkologischen Störungen.
Fragen Sie Ihre/n Aerztin/Arzt über die Bedeutung der bei Ihnen gefundenen Veränderungen und über die Möglichkeiten einer weitergehenden Behandlung.
Glossar
| Diabetes mellitus | Zuckerkrankheit |
| Ejakulation | Samenerguss |
| ejakulieren | Samen ergiessen |
| Endometriose | versprengte Anteile der Gebärmutterschleimhaut |
| Fertilisierung | Befruchtung |
| Infertilität | Unfruchtbarkeit |
| Interaktionen | Wechselwirkung |
| Katheter | feinstes Röhrchen |
| Kontraktionen | Zusammenziehen |
| Manipulation | Veränderung |
| Ovulation | Eisprung |
| Ovulations-Induktion | Auslösen des Eisprungs |
| Paraplegie | Lähmung |
| Prostaglandine | zellaktive Substanzen |
| Reproduktionsmedizin | Fortpflanzungsmedizin |
| Sperma | Samenflüssigkeit |
| Spermien | Samenzellen |
| Uterus | Gebärmutter |
| Zervikalmukus | Schleim im Gebärmutterhals |
| Zervix | Gebärmutterhals |
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